Varianz (Wahrscheinlichkeitsrechnung): Unterschied zwischen den Versionen
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Gemäß dem [[ | Gemäß dem [[Empirisches Gesetz der großen Zahlen|empirischen Gesetz der großen Zahlen]] nähern sich die [[Häufigkeit|relativen Häufigkeiten]] der Ausgänge eines [[Zufallsexperiment|Zufallsexperiments]] bei wachsender Versuchszahl den theoretischen [[Wahrscheinlichkeitsverteilung|Wahrscheinlichkeiten]] an. Während der [[Erwartungswert]] das Zentrum einer Wahrscheinlichkeitsverteilung angibt, beschreiben die '''Varianz''' und die '''Standardabweichung''' als fundamentale Streuungsmaße, wie stark die Werte einer [[Zufallsvariable]] um diesen Erwartungswert streuen. Die Varianz ist definiert als der Erwartungswert der quadrierten Abweichungen der Zufallsvariablen von ihrem Erwartungswert. | ||
==Definition== | ==Definition== | ||
Es sei | Es sei ein Zufallsexperiment mit der endlichen [[Zufallsexperiment#Definition|Ergebnismenge]] <math>\Omega</math> gegeben. Eine diskrete [[Zufallsvariable]] <math>X</math> nehme die Werte <math>x_1, x_2, \dots, x_n \in \mathbb{R}</math> mit den zugehörigen Wahrscheinlichkeiten <math>P(X = x_i)</math> an (wobei <math>\sum_{i=1}^n P(X = x_i) = 1</math> gilt). Es sei <math>\mu = E(X)</math> der [[Erwartungswert]] von <math>X</math>. | ||
Die '''Varianz''' <math>\sigma^2 = V(X)</math> (häufig auch <math>\operatorname{Var}(X)</math>) der Zufallsvariablen <math>X</math> ist definiert als: | |||
<math>V(X) = E\left((X - \mu)^2\right) = \sum_{i=1}^n (x_i - \mu)^2 \cdot P(X = x_i)</math> | |||
In ausführlicher Schreibweise: | |||
<math>V(X) = (x_1 - \mu)^2 \cdot P(X = x_1) + (x_2 - \mu)^2 \cdot P(X = x_2) + \dots + (x_n - \mu)^2 \cdot P(X = x_n)</math> | |||
'''Bedeutung der Bestandteile:''' | |||
*<math>x_i</math> sind die möglichen Realisationen (Werte) der Zufallsvariablen <math>X</math>. | |||
*<math>\mu = E(X)</math> ist der Erwartungswert der Zufallsvariablen. | |||
*<math>(x_i - \mu)</math> stellt die lineare Abweichung des Wertes <math>x_i</math> vom Erwartungswert dar. | |||
*<math>(x_i - \mu)^2</math> ist die quadrierte Abweichung. Durch das Quadrieren werden alle Abweichungen positiv gewertet, und größere Ausreißer werden überproportional stark gewichtet. | |||
*<math>P(X = x_i)</math> ist die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten des Wertes <math>x_i</math>. | |||
<html><iframe width="280" height="157.5" src="https://www.youtube.com/embed/z3SaOb0y6Ug?si=3nvQPoCqJsooVLFo" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen></iframe></html> | <html><iframe width="280" height="157.5" src="https://www.youtube.com/embed/z3SaOb0y6Ug?si=3nvQPoCqJsooVLFo" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen></iframe></html> | ||
==Standardabweichung== | ==Standardabweichung== | ||
Für | Da die Varianz durch das Quadrieren der Differenzen in einer quadrierten Maßeinheit vorliegt (z. B. <math>\text{Euro}^2</math> oder <math>\text{Stück}^2</math>), wird zur anschaulichen Interpretation die '''Standardabweichung''' herangezogen. | ||
Für eine diskrete Zufallsvariable <math>X</math> mit der Varianz <math>V(X)</math> ist die Standardabweichung <math>\sigma</math> (Sigma) als die nichtnegative Quadratwurzel aus der Varianz definiert: | |||
<math>\sigma = \sqrt{V(X)} = \sqrt{\sum_{i=1}^n (x_i - \mu)^2 \cdot P(X = x_i)}</math> | |||
'''Interpretation:''' | |||
Die Standardabweichung <math>\sigma</math> besitzt dieselbe Einheit wie die Zufallsvariable <math>X</math> selbst sowie ihr Erwartungswert <math>\mu</math>. Sie beziffert die durchschnittliche bzw. typische Streubreite der Werte um den Erwartungswert. | |||
==Beispiel: Dreifacher Münzwurf== | |||
Eine faire Münze wird dreimal geworfen. Die [[Zufallsexperiment#Definition|Ergebnismenge]] lautet: | |||
<math>\Omega = \{\mathrm{ZZZ}, \mathrm{ZZK}, \mathrm{ZKZ}, \mathrm{ZKK}, \mathrm{KZZ}, \mathrm{KZK}, \mathrm{KKZ}, \mathrm{KKK}\}</math> | |||
Die diskrete [[Zufallsvariable]] <math>X</math> beschreibt die Anzahl der Erfolge („Zahl“). Die Zufallsvariable kann die Werte <math>x_i \in \{0, 1, 2, 3\}</math> annehmen. | |||
Die zugehörige [[Wahrscheinlichkeitsverteilung]] stellt sich tabellarisch wie folgt dar: | |||
{| class="wikitable" style="text-align:center;" | |||
|- | |||
! Wert <math>x_i</math> !! Günstige Ergebnisse aus <math>\Omega</math> !! Wahrscheinlichkeit <math>P(X = x_i)</math> | |||
|- | |||
| <math>0</math> || <math>\{\mathrm{KKK}\}</math> || <math>\frac{1}{8} = 0{,}125</math> | |||
|- | |||
| <math>1</math> || <math>\{\mathrm{ZKK}, \mathrm{KZK}, \mathrm{KKZ}\}</math> || <math>\frac{3}{8} = 0{,}375</math> | |||
|- | |||
| <math>2</math> || <math>\{\mathrm{ZZK}, \mathrm{ZKZ}, \mathrm{KZZ}\}</math> || <math>\frac{3}{8} = 0{,}375</math> | |||
|- | |||
| <math>3</math> || <math>\{\mathrm{ZZZ}\}</math> || <math>\frac{1}{8} = 0{,}125</math> | |||
|- | |||
| '''Summe''' || || <math>1{,}000</math> | |||
|} | |||
===1. Berechnung des Erwartungswerts=== | |||
Der [[Erwartungswert]] <math>\mu = E(X)</math> berechnet sich als Summe der Produkte aus den Werten <math>x_i</math> und ihren Wahrscheinlichkeiten <math>P(X = x_i)</math>: | |||
<math>\mu = E(X) = \sum_{i=1}^n x_i \cdot P(X = x_i)</math> | |||
<math>E(X) = 0 \cdot 0{,}125 + 1 \cdot 0{,}375 + 2 \cdot 0{,}375 + 3 \cdot 0{,}125</math> | |||
<math>E(X) = 0 + 0{,}375 + 0{,}750 + 0{,}375 = 1{,}5</math> | |||
Bei einem dreifachen Münzwurf ist im Mittel somit <math>\mu = 1{,}5</math>-mal das Ergebnis „Zahl“ zu erwarten. | |||
===2. Berechnung der Varianz=== | |||
Die Varianz ergibt sich durch das Summieren der mit den Eintrittswahrscheinlichkeiten gewichteten quadrierten Abweichungen vom Erwartungswert <math>\mu = 1{,}5</math>: | |||
<math>V(X) = \sum_{i=1}^n (x_i - \mu)^2 \cdot P(X = x_i)</math> | |||
<math>V(X) = (0 - 1{,}5)^2 \cdot 0{,}125 + (1 - 1{,}5)^2 \cdot 0{,}375 + (2 - 1{,}5)^2 \cdot 0{,}375 + (3 - 1{,}5)^2 \cdot 0{,}125</math> | |||
<math>V(X) = (-1{,}5)^2 \cdot 0{,}125 + (-0{,}5)^2 \cdot 0{,}375 + (0{,}5)^2 \cdot 0{,}375 + (1{,}5)^2 \cdot 0{,}125</math> | |||
<math>V(X) = 2{,}25 \cdot 0{,}125 + 0{,}25 \cdot 0{,}375 + 0{,}25 \cdot 0{,}375 + 2{,}25 \cdot 0{,}125</math> | |||
<math>V(X) = 0{,}28125 + 0{,}09375 + 0{,}09375 + 0{,}28125 = 0{,}75</math> | |||
Die Varianz der Zufallsvariablen beträgt <math>V(X) = 0{,}75</math>. | |||
===3. Berechnung der Standardabweichung=== | |||
Die Standardabweichung <math>\sigma</math> ist die Quadratwurzel aus der Varianz: | |||
<math>\sigma = \sqrt{V(X)} = \sqrt{0{,}75} \approx 0{,}866 \approx 0{,}87</math> | |||
'''Interpretation des Ergebnisses:''' | |||
Bei einer erwarteten Anzahl von <math>\mu = 1{,}5</math> Treffern beträgt die typische Abweichung (Streuung) rund <math>\sigma \approx 0{,}87</math> Treffer. | |||
[[Kategorie:Wahrscheinlichkeitsrechnung]] | [[Kategorie:Wahrscheinlichkeitsrechnung]] | ||
[[Kategorie: | [[Kategorie:FHR WuV Mathe]] | ||
[[Kategorie:AHR WuV Mathe GK]] | |||