Gaußsches Eliminationsverfahren: Unterschied zwischen den Versionen

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Das '''Gaußsche Eliminationsverfahren''' oder '''Gauß-Algorithmus''' ist ein algorithmisches Verfahren zur Lösung [[Lineares_Gleichungssystem|linearer Gleichungssysteme]]. Es basiert auf elementaren Zeilenumformungen von Matrizen und ermöglicht Aussagen über Existenz, Eindeutigkeit und Struktur der Lösungsmengen. Das Verfahren ist eng mit der Theorie der [[Matrix|Matrizen]] verknüpft.
Das '''Gaußsche Eliminationsverfahren''' (auch '''Gauß-Algorithmus''') ist ein fundamentales algorithmisches Verfahren zur Lösung [[Lineares_Gleichungssystem|linearer Gleichungssysteme]]. Es basiert auf elementaren Zeilenumformungen von Matrizen und ermöglicht Aussagen über die Existenz, Eindeutigkeit und Struktur von Lösungsmengen. Das Verfahren ist eng mit der Theorie der [[Matrix|Matrizen]] verknüpft.


== Definition ==
== Definition ==
Das '''Gaußsche Eliminationsverfahren''' ist ein Verfahren zur schrittweisen Umformung der [[Lineares_Gleichungssystem#Erweiterte_Koeffizientenmatrix|erweiterten Koeffizientenmatrix]] <math>(A|b)</math> eines [[Lineares_Gleichungssystem|linearen Gleichungssystems]] in Zeilenstufenform. Wird die erweiterte Koeffizientenmatrix in [[Lineares_Gleichungssystem#Zeilenstufenform|reduzierte Zeilenstufenform]] gebracht, sprechen wir vom Gauß-Jordan Algorithmus.
Das '''Gaußsche Eliminationsverfahren''' ist ein Verfahren zur schrittweisen Umformung der [[Lineares_Gleichungssystem#Erweiterte_Koeffizientenmatrix|erweiterten Koeffizientenmatrix]] <math>(A|b)</math> eines linearen Gleichungssystems in eine sogenannte Zeilenstufenform. Wird die erweiterte Koeffizientenmatrix sogar in die [[Lineares_Gleichungssystem#Zeilenstufenform|reduzierte Zeilenstufenform]] gebracht (Einsen auf der Hauptdiagonale, ansonsten nur Nullen), sprechen wir vom '''Gauß-Jordan-Algorithmus'''.


Zulässige '''elementare Zeilenumformungen''' sind:
Zulässige '''elementare Zeilenumformungen''' sind:
* Vertauschen zweier Zeilen,
* Vertauschen zweier Zeilen,
* Multiplikation einer Zeile mit einer von null verschiedenen Zahl,
* Multiplikation einer Zeile mit einer von null verschiedenen reellen Zahl,
* Addition eines Vielfachen einer Zeile zu einer anderen Zeile.
* Addition (oder Subtraktion) eines Vielfachen einer Zeile zu einer anderen Zeile.


Diese Umformungen verändern die Lösungsmenge des [[Lineares_Gleichungssystem|linearen Gleichungssystems]] nicht.
Diese Umformungen verändern die Lösungsmenge des linearen Gleichungssystems nicht. Man nennt die resultierenden Matrizen daher ''äquivalent''.


== Ziel des Verfahrens ==
== Ziel des Verfahrens ==
Ziel ist es, die Matrix so umzuformen, dass
Ziel ist es, die Matrix so umzuformen, dass
* die Lösungen direkt abgelesen werden können oder
* die Lösungen für die Variablen direkt abgelesen werden können oder
* der Rang der Matrix bestimmt werden kann.
* der Rang der Matrix bestimmt werden kann.


Damit lassen sich Existenz und Anzahl der Lösungen eindeutig beurteilen.
Damit lassen sich die Existenz und die Anzahl der Lösungen (genau eine Lösung, unendlich viele Lösungen, keine Lösung) eindeutig beurteilen.


== Zusammenhang mit der Inversen einer Matrix ==
== Zusammenhang mit der Inversen einer Matrix ==
Für eine quadratische Matrix <math>A</math> gilt:
Für eine quadratische Matrix <math>A</math> gilt:
* <math>A</math> ist genau dann invertierbar, wenn für den [[Matrix#Rang|Rang]] von <math>A</math> gilt: <math>\operatorname{rang}(A) = n</math>.
* <math>A</math> ist genau dann invertierbar, wenn für den [[Matrix#Rang|Rang]] von <math>A</math> gilt: <math>\operatorname{rang}(A) = n</math> (voller Rang).
* Die Inverse <math>A^{-1}</math> kann mithilfe des Gauß-Jordan Algorithmus bestimmt werden, indem man die Matrix <math>(A|I)</math> auf <math>(I|A^{-1})</math> umformt.
* Die [[Matrix#Inverse|Inverse]] <math>A^{-1}</math> kann mithilfe des Gauß-Jordan-Algorithmus bestimmt werden, indem man die um die Einheitsmatrix erweiterte Matrix <math>(A|I)</math> durch elementare Zeilenumformungen auf die Form <math>(I|A^{-1})</math> umformt.


== Lineare Matrizengleichungen ==
== Lineare Matrizengleichungen ==
Matrizengleichungen der Form
Matrizengleichungen der Form
<math>
:<math>A \cdot X = B</math>
A \cdot X = B
können mithilfe der Inversen gelöst werden durch:
</math>
:<math>X = A^{-1} \cdot B</math>,
können mit der Inversen gelöst werden:
sofern <math>A</math> eine quadratische und invertierbare Matrix ist.
<math>
X = A^{-1} \cdot B
</math>,
sofern <math>A</math> invertierbar ist.


== Anwendungen in mehrstufigen Produktionsprozessen ==
== Anwendungen in mehrstufigen Produktionsprozessen ==
In der Produktionswirtschaft werden Inverse von Matrizen genutzt, um
In der Produktionswirtschaft werden Inverse von Matrizen (insbesondere Verflechtungsmatrizen) genutzt, um
* Stücklisten zu rekonstruieren,
* Stücklisten zu rekonstruieren,
* benötigte Rohstoffmengen zu bestimmen,
* benötigte Rohstoffmengen direkt aus Endproduktanforderungen zu bestimmen,
* mehrstufige Produktionsprozesse zu analysieren.
* mehrstufige Produktionsprozesse auf Effizienz zu analysieren.


Ist beispielsweise eine Herstellungsmatrix invertierbar, lassen sich aus Endproduktmengen direkt die erforderlichen Einsatzmengen berechnen.
Ist beispielsweise eine Herstellungsmatrix invertierbar, lassen sich aus den Zielvorgaben für die Endproduktmengen durch Rückwärtsrechnung direkt die erforderlichen Einsatzmengen berechnen.


== Beispiele ==
== Beispiele ==


=== Lösung eines [[Lineares_Gleichungssystem|linearen Gleichungssystems]] ===
=== Lösung eines linearen Gleichungssystems ===
Gegeben sei das System
Gegeben sei das System:
:<math>
:<math>
\begin{aligned}
\begin{aligned}
Zeile 53: Zeile 49:
</math>
</math>


Die [[Lineares_Gleichungssystem#Definition|Matrizengleichung]] lautet  
Die Matrizengleichung lautet:
:<math>\begin{pmatrix}
:<math>\begin{pmatrix}
1 & 1 \\
1 & 1 \\
Zeile 60: Zeile 56:
x_1  \\
x_1  \\
x_2 \\
x_2 \\
\end{pmatrix}=\begin{pmatrix}
\end{pmatrix} = \begin{pmatrix}
5  \\
5  \\
13 \\
13 \\
\end{pmatrix}</math>
\end{pmatrix}</math>


Die [[Lineares_Gleichungssystem#Definition|erweiterte Koeffizientenmatrix]] lautet
Die erweiterte Koeffizientenmatrix lautet entsprechend:
:<math>
:<math>
\left(
\left(
Zeile 74: Zeile 70:
\right)
\right)
</math>
</math>
Wir multiplizieren die erste Zeile mit 2 und erhalten:
 
:<math>
'''Schritt 1:''' Wir subtrahieren das 2-fache der ersten Zeile von der zweiten Zeile (<math>Z_2 \rightarrow Z_2 - 2 \cdot Z_1</math>), um eine Null in der linken unteren Ecke zu erzeugen:
\left(
\begin{array}{cc|c}
2 & 2 & 10 \\
2 & 3 & 13
\end{array}
\right)
</math>
Wir subtrahieren Zeile 1 von Zeile 2:
:<math>
\left(
\begin{array}{cc|c}
2 & 2 & 10 \\
0 & 1 & 3
\end{array}
\right)
</math>
Wir teilen Zeile 1 durch 2 und erhalten die folgende [[Lineares_Gleichungssystem#Zeilenstufenform|Zeilenstufenform]]:
:<math>
:<math>
\left(
\left(
Zeile 101: Zeile 80:
\right)
\right)
</math>
</math>
Wir subtrahieren Zeile 2 von Zeile 1 und erhalten die erweiterte Koeffizientenmatrix in [[Lineares_Gleichungssystem#Zeilenstufenform|reduzierter Zeilenstufenform]]:
''(Die Matrix befindet sich nun bereits in Zeilenstufenform. Der reguläre Gauß-Algorithmus wäre hier beendet und man könnte rückwärts einsetzen. Für den Gauß-Jordan-Algorithmus rechnen wir jedoch weiter.)''
 
'''Schritt 2:''' Wir subtrahieren die zweite Zeile von der ersten Zeile (<math>Z_1 \rightarrow Z_1 - Z_2</math>), um die reduzierte Zeilenstufenform zu erhalten:
:<math>
:<math>
\left(
\left(
Zeile 111: Zeile 92:
</math>
</math>


Nach Anwendung des Gauß-Verfahrens können wir die Lösung direkt ablesen: <math>x_1 = 2</math>, <math>x_2 = 3</math>
Nach Anwendung des Verfahrens können wir die Lösung direkt ablesen:
:<math>x_1 = 2</math> und <math>x_2 = 3</math>.


=== Bestimmung der Inversen ===
=== Bestimmung der Inversen ===
Wir berechnen die Inverse <math>A^{-1}</math> zur Matrix
Wir berechnen die Inverse <math>A^{-1}</math> zur folgenden Matrix:
:<math>
:<math>
A = \begin{pmatrix}
A = \begin{pmatrix}
Zeile 121: Zeile 103:
\end{pmatrix}
\end{pmatrix}
</math>
</math>
mit Hilfe des Gauß'schen Eliminationsverfahrens:


Wir notieren die Matrix <math>A</math> gekoppelt mit der Einheitsmatrix <math>I</math>:
:<math>
:<math>
\left(
\left(
Zeile 131: Zeile 113:
\right)
\right)
</math>
</math>
Wir multiplizieren Zeile 2 mit der Zahl 3:
 
'''Schritt 1:''' Wir subtrahieren das 3-fache der ersten Zeile von der zweiten Zeile (<math>Z_2 \rightarrow Z_2 - 3 \cdot Z_1</math>):
:<math>
:<math>
\left(
\left(
\begin{array}{cc|cc}
\begin{array}{cc|cc}
3 & 6 & 3 & 0 \\
1 & 2 & 1 & 0 \\
3 & 4 & 0 & 1
0 & -2 & -3 & 1
\end{array}
\end{array}
\right)
\right)
</math>
</math>
Wir subtrahieren Zeile 2 von Zeile 1:
 
'''Schritt 2:''' Wir dividieren die zweite Zeile durch -2 (<math>Z_2 \rightarrow Z_2 / (-2)</math>), um auf der Diagonale eine 1 zu erhalten:
:<math>
:<math>
\left(
\left(
\begin{array}{cc|cc}
\begin{array}{cc|cc}
3 & 6 & 3 & 0 \\
1 & 2 & & 0 \\
0 & 2 & 3 & -1
0 & 1 & \frac{3}{2} & -\frac{1}{2}
\end{array}
\end{array}
\right)
\right)
</math>
</math>
Wir dividieren Zeile 2 durch 2 und Zeile 1 durch 3:
 
:<math>
'''Schritt 3:''' Wir subtrahieren das 2-fache der zweiten Zeile von der ersten Zeile (<math>Z_1 \rightarrow Z_1 - 2 \cdot Z_2</math>):
\left(
\begin{array}{cc|cc}
1 & 2 & 1 & 0 \\
0 & 1 & \frac{3}{2} & -\frac{1}{2}
\end{array}
\right)
</math>
Wir subtrahieren 2 mal Zeile 2 von Zeile 1:
:<math>
:<math>
\left(
\left(
\begin{array}{cc|cc}
\begin{array}{cc|cc}
1 & 0 & -2 & 1 \\
1 & 0 & -2 & 1 \\
0 & 1 & \frac{3}{2} & -\frac{1}{2}
0 & 1 & \frac{3}{2} & -\frac{1}{2}
\end{array}
\end{array}
\right)
\right)
</math>
</math>


Die Inverse zu Matrix <math>A</math> ist damit
Auf der linken Seite steht nun die Einheitsmatrix. Auf der rechten Seite können wir die gesuchte Inverse zu Matrix <math>A</math> ablesen:
<math>
:<math>
A^{-1} = \begin{pmatrix}
A^{-1} = \begin{pmatrix}
-2 & 1 \\
-2 & 1 \\